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Donnerstag, 3. August 2023

Tjaden tappt (571)

Gott und die Kirchen: Nur noch sachliche Romanze

Der Kirche, ob evangelisch oder katholisch, ist der alte Chef abhanden gekommen. Über den wird in der Bibel berichtet, dass er fast die gesamte Menschheit vernichtet hat, weil sie in seinen Augen eine schlimme Entwicklung nahm, einige Menschen und Tiere aber rettete, dass er dem Anführer einer Flucht mit Verhaltensvorschriften auf einer Steintafel half, als seine Gefolgsleute anfingen, über die Stränge zu schlagen und gemaßregelt werden mussten, damit die Flucht aus Ägypten doch noch ein gutes Ende nehmen konnte, dass er einen gehorsamen Mann so lange gepiesackt hat, bis es an seiner Treue keine Zweifel mehr geben konnte, wofür er mit großem Reichtum belohnt wurde, dass er Kranke heilte, weil sie an seinen Worten nicht zweifelten, und dass er sogar einen Mörder mit dem Paradies belohnte, weil der zum Tode Verurteilte ihm zur Seite gesprungen war. 

Da derlei nicht mehr geschieht, versuchten es die Kirchen mit einem neuen Chef. Doch der ist laut Erich Kästner vor etwa 100 Jahren auch schon wieder aus der Kirche ausgetreten. Der Dichter teilte mit: „Da hilft kein Zorn. Da hilft kein Spott. Da hilft kein Weinen, hilft kein Beten. Die Nachricht stimmt! Der liebe Gott ist aus der Kirche ausgetreten.“

Blieb die von Kästner 1928 beschriebene „sachliche Romanze“. Die gestaltet sich laut Thorsten Hoppe von der Burgdorfer Paulus-Gemeinde in der jüngsten Ausgabe des „Südstadtbriefes“ so: „Ich wiederum glaube nicht an eine Instanz, die Dinge spontan zum Guten wendet.“  

Damit erübrigt sich die Frage, warum diese Instanz nicht einmal mehr eingreift, wenn sogar Kinder leiden, obwohl der alte Chef vor 2000 Jahren gesagt haben soll, dass Kindern das Himmelreich gehört, von dem Thorsten Hoppe zufolge nichts weiter geblieben ist, als ein Ort, an dem man wie Erich Kästner allein sitzt, kein Wort mehr spricht und „es einfach nicht fassen“ kann.       

Montag, 17. Februar 2020

Tjaden tappt (448)

Jean-Luc Schneider
diskutiert regelmäßig
mit Gott. 
"Frauen unterwegs" zur Neuapostolischen Kirche?

"Wie stehen die Neuapostolische Kirche (NAK) und die lutherischen Kirchen in Lehrte zueinander?" Mit dieser Frage beschäftigt sich die Lehrter Gruppe "Frauen unterwegs" am 20. Februar ab 19 Uhr in der Markus-Gemeinde. In der Einladung wird die gängige Beurteilung der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW) verwendet. Die Rede ist von einer "bemerkenswerten Wandlung (der NAK) auf die Ökumene hin. So ist sie seit Herbst 2019 Gastmitglied der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Niedersachsen".

Eigentlich verhalten sich die Neuapostolische Kirche (NAK), die um 1896 entstanden ist, und die lutherischen Kirchen gar nicht zueinander. Die NAK hält die lutherischen Kirchen immer noch für minderwertig, ihr fehle es an den Ämtern, die eine Kirche brauche, um wirksam für Gott zu arbeiten. Dieses fehlende Amt sei das Apostelamt. Das höchste Amt sei das Stammapostelamt, das angeblich auf Petrus zurückgeht. Ohne diese Ämter könne ein Kirche nicht wirklich etwas für das Seelenheil der Gläubigen tun.

Der gegenwärtige Stammapostel Jean-Luc Schneider behauptet, er spreche regelmäßig mit Gott, wenn es um die Besetzung der Ämter oder um merkwürdige Vorgänge geht. Deshalb dürfe ihm niemand hereinreden. Die NAK-Mitglieder sollen ihren Willen unter den Willen Gottes stellen. Nur das sei Freiheit. 

Da nur Schneider weiß, was Gott will, kann man sich den Rest denken. Allerdings kommt Schneider immer wieder ins Schleudern, wenn er Veränderungen der Lehre begründet, denn er stellt die Lehren, die verändert werden, falsch dar. Dabei handelt es sich auch nur um kosmetische Korrekturen, die den Mitgliederschwund aufhalten sollen. 

Auch in der NAK gibt es inzwischen Frauen, die mehr Rechte bei der Ämtervergabe fordern. Doch eine Frau an der NAK-Spitze bleibt so unvorstellbar wie eine Päpstin, eine katholische Bischöfin oder ein weiblicher katholischer Kardinal. 

Was sich geändert hat, ist: Auch NAK-Mitglieder dürfen mittlerweile ins Kino, ins Theater oder zu Fußballspielen gehen. Sonst würden wohl noch mehr junge NAK-Mitglieder weglaufen. Die Taufe in der evangelischen und in der katholischen Kirche wird inzwischen anerkannt, doch die angeblich viel wichtigere Taufe mit dem Heiligen Geist (Versiegelung) gibt es - so die NAK -weiterhin nur in der NAK (bei den Mormonen gibt es sie allerdings auch, Apostel haben die Mormonen ebenfalls). 

Die Gruppe "Frauen unterwegs" sollte am 20. Februar die Rolle der Frau in den lutherischen Kirchen und in der NAK in den Vordergrund stellen. Das könnte spannend werden. Denn bald ist wieder Ostern - und da fällt eins auf: Die meisten Männer haben sich verkrümelt, die Frauen waren da! Das offene Grab wurde von Frauen entdeckt. Welche Frauen das waren, darüber herrscht allerdings Uneinigkeit bei den Männern, die aufgeschrieben haben, was damals geschehen sein soll. Maria Magdalena allerdings gehört zu jeder Ostergeschichte. Als Ehefrau von Jesus? 






Samstag, 31. August 2019

Tjaden tappt (414)

So sieht das Kastensystem
"Pax Nexus" von Ikea aus. 
Der Gott der Kästen

27. August 2019. Bei Facebook werde ich jeden Morgen gefragt, was ich gerade mache. Heute lautet die Antwort: Ich begebe mich in eine andere Welt, die beim Schreiben erst entsteht. Der passende Titel ist mir noch nicht eingefallen. Der Arbeitstitel lautet "Der Gott der Kästen". Meine Geschichte beginnt so:


Ich spüre den Stich der Nadel. Mehr spüre ich nicht.

Ein Wesen, das wie ein Schrank aussieht, der nur aus Kästen besteht, beugt sich über mich. Der Himmel über mir ist dunkelrot, der Boden unter mir gibt nach, wenn ich mich zu schnell bewege. Das Wesen hält einen Apparat an einen der Kästen. Etwas auf diesem Kasten hebt und senkt sich.

„Willkommen“, sagt das Wesen mit einer einschmeichelnden Stimme.

„Wo bin ich?“, frage ich das Wesen und schaue zum Himmel, der nun dunkelgrün ist.

„Das erfahren Sie noch früh genug. Folgen Sie mir bitte.“

Das Gelände ist flach, ich gehe so schnell wie das Wesen, um nicht einzusinken, die Schuhe, die mir jemand angezogen hat, sind schwer. Deshalb tun mir schon nach wenigen Schritten die Beine weh.

„Sie müssen diese Schuhe leider tragen“, sagt das Wesen. „Sonst würden Sie schnell den Kontakt mit dem Boden verlieren und davonfliegen.“

Das, was sich auf einem der Kästen bewegt, sind die Lippen des Wesens, denke ich. Ist dieser Kasten sein Kopf?

Die Pflanzen, die aus dem flachen Gelände ein buntes Farbenmeer machen, weichen vor uns zurück und rücken wieder zusammen, sobald wir weitergegangen sind. Das Wesen spricht weiter in diesen Apparat.

Wie von Geisterhand entsteht vor uns ein Gebilde, das ebenfalls aus Kästen besteht, die Kästen sind in ständiger Bewegung, die Form des Gebildes verändert sich in großer Geschwindigkeit.

„Wir leben eigentlich unter der Scheibe“, sagt mein Begleiter. „Aber Gäste empfangen wir über der Scheibe.“

Wir betreten das Gebilde, in einem der Kästen schweben wir nach oben, der Kasten öffnet sich für einen zweiten Kasten, in dem ein Wesen auf uns wartet, das auf einem viereckigen Stuhl sitzt.

„Willkommen“, sagt auch dieses Wesen.

Dieses Wesen spricht ebenfalls in einen Apparat. Die Kästen, aus denen dieses Wesen zusammengesetzt ist, sind größer als die Kästen meines Begleiters und bunter.

„Erst einmal möchte ich mich für die Unannehmlichkeiten entschuldigen, die wir Ihnen möglicherweise bereitet haben. Wir werden alles dafür tun, dass Sie sich auf unserer Scheibe wohlfühlen.“

„Ich muss heute Abend zu einer dringenden Besprechung“, sage ich.

Der Kasten, den ich für den Kopfkasten halte, rückt in dem Kastensystem ein wenig nach unten. Ich habe das Gefühl, dass mich das Wesen so besser sehen kann.

„Machen Sie sich deswegen keine Gedanken. Sie werden genau in dem Moment wieder auf der Erde sein, in dem Sie die Erde verlassen haben. Das, was ihr Menschen Zeit nennt, kennen wir nämlich nicht.“

Alles in mir sträubt sich gegen diesen Gedanken, denn wo keine Zeit ist, kann sich auch nichts bewegen oder verändern. Da bin ich mir ziemlich sicher. Das Wesen errät meine Gedanken.

„Glauben Sie mir einfach. Ich führe sie jetzt ein wenig herum.“

Wir schweben mit dem Kasten durch das Gebilde. Die Schmerzen in meinen Beinen werden fast unerträglich. Das Wesen spricht in den Apparat. Seine Stimme klingt mitleidig.

„Wie dumm von mir“, sagt das Wesen. „Hier können Sie Ihre Schuhe ausziehen. Dann geht es Ihnen gleich besser.“

30. August 2019. Soeben als e-book erschienen. Hier klicken

31. August 2019. Nun auch als Print erhältlich. Hier bestellen

Mittwoch, 24. Januar 2018

Tjaden tappt (247)

Die Knochen sind nicht echt.
Foto: Heinz-Peter Tjaden
Die Trickkiste des lieben Gottes

Der liebe Gott greift in seine Trickkiste, wenn er will, dass man dort ist, wo eine Geschichte begonnen hat, die bald endet. Mich trickste er vor vier Jahren aus, als meine Frau Angelika in Kiel starb. Unsere Wege hatten sich getrennt, weil sie immer mehr wollte als sie jemals bekommen konnte, sie hatte sich noch ein paarmal gemeldet und mit mir getroffen, doch als ihr klar wurde, dass ich mit meiner neuen Partnerin glücklicher war als sie mit ihrem neuen Partner, brach sie den Kontakt ab. Sie verschwand aus Hannover.

An dem Tag, an dem Angelika starb, meldete sich bei mir eine Vermieterin aus Hannover, die mich zu einer Wohnungsbesichtigung einlud. Ich setzte mich kurzentschlossen in mein Auto, fand ein Hotelzimmer in der List (Foto) und machte mich zu Fuß auf den Weg zu der Wohnung. Die Vermieterin war nicht da, ich hatte die 200 Kilometer vergeblich zurückgelegt. Dachte ich auch, als ich vor dem Haus stand, in dem Angelika und ich gewohnt hatten. Wahrscheinlich sollte ich dort stehen, als sie starb. 

Dass sie tot war, erfuhr ich erst, als ich eine Bleibe in Burgwedel gefunden hatte. Der Gedanke, dass ich in der Nähe unserer Geschichte gewesen bin, als sie den Kampf gegen den Krebs verlor, besiegte meine Wut auf einen Gott, der Frauen im Alter von 54 Jahren an einer heimtückischen Krankheit sterben lässt. 


Donnerstag, 2. Juni 2016

Tjaden tappt (129)

Segen mit Grashüpfer

Bald muss der Junge wieder abreisen, seine Mutter packt die Koffer. Ein letztes Mal nimmt er mich bei der Hand, wir gehen zu den Feldern in Kleinburgwedel, auf denen wir oft gesessen haben. Ein Hase rennt an uns vorbei. Der Junge fängt einen Grashüpfer, hält ihn gefangen zwischen seinen kleinen Händen.

"Da hast du aber Glück gehabt. Wer einen Grashüpfer fängt, hat immer Glück", sage ich.

Nun sind die Hände des Jungen mit Grashüpfer über meinem Kopf. "Nun hast auch du immer Glück", sagt der Junge. Dann lässt er den Grashüpfer wieder frei.

"Gott wird ihn schützen", sagt der Junge, nimmt mich bei der Hand: "Jetzt fangen wir den Hasen." Dass er wieder abreisen muss, hat dieser Siebenjährige längst wieder vergessen. 

Kinder schenken uns die Zeit, die wir uns ohne sie nicht nehmen.

Der Klick zum "Tjaden tappt"-e book

Die Broschüre "Tjaden tappt durch den Altkreis Burgdorf" gibt es auch in Wegeners Buchhandlung, Hannoversche Neustadt, Burgdorf. 


Anschau-bar

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