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Dienstag, 18. April 2017

Tjaden tappt (205)

Bunte Euro-Schlucker.
Die Reinstecker und die Rausholer

Sie kommen mit Fahrrädern oder zu Fuß, nur wenige mit dem Auto. Sie sitzen vor den Geldautomaten und versenken Euro-Münzen und Euro-Scheine in den Schlitzen, damit sich die Scheiben drehen. Wenn auch noch ein Fahrrad mit Anhänger vor der Burgdorfer Spielhalle steht, weiß ich: Die Reinstecker sind da. 

Sie schimpfen vor sich hin, weil sie nie gewinnen.

Sie kommen mit Autos, parken dicht an dicht vor und neben der Burgdorfer Spielhalle. Dann weiß ich: Die Rausholer sind da. Sie informieren sich gegenseitig per SMS oder mail. Sie wissen, dass die Automaten voll sind. Sie holen heraus, was die Reinstecker in den Schlitzen der Geldautomaten versenkt haben. 

Sie schimpfen nicht, denn nach ihnen stehen wieder Fahrräder vor der Spielhalle, eins mit Anhänger mit einer blauen Mülltüte für die Wochenzeitungen, die ein Reinstecker vorher verteilt hat. 

Sonntag, 9. Oktober 2016

Tjaden tappt (171)

Hinten gestartet, wieder
vorn gelandet. 
Der Ratsherr, der nicht immer erfolgreich ist

Auch der Burgdorfer SPD-Ratsherr Hans-Dieter Morich ist nicht immer erfolgreich. Als 1994 der Buß- und Bettag abgeschafft wurde, kam er wutentbrannt mit einem Leserbrief zu mir in die "Neue Woche"-Redaktion. Handschriftlich versicherte er, er werde alles dafür tun, dass die Abschaffung dieses Feiertages wieder rückgängig gemacht wird. Damit ist er gescheitert.

Nicht gescheitert ist Morich dagegen bei den Kommunalwahlen, obwohl er von einem hinteren Listenplatz aus startete. In jeder freien Minute lief er durch die Stadt, klapperte die Supermärkte und andere Treffpunkte ab, in der einen Hand einen Beutel mit roten Kugelschreibern, in der anderen einen Beutel mit Chips für Einkaufswagen. Außerdem hatte er einen Notizblock dabei, was er bei seinen Gesprächen hörte, schrieb er auf. Werbung für sich machte er zudem mit einem Flyer, in dem seine politischen Ziele mit Herzen verziert waren.

Von den üblichen Wahlkampfmethoden hielt Hans-Dieter Morich nichts: "Ich stelle mich doch nicht vors Rathaus. Das hat doch keinen Sinn." Viel hat er aber schon immer von Sozialpolitik im Sinne Benachteiligter gehalten. Sicherlich auch deshalb ist er wieder in den Rat von Burgdorf gewählt worden.

Wenn Hans-Dieter Morich aus einer Spielhalle in der Marktstraße kommt und mit sich selbst schimpft, weil es in Burgdorf sowieso zu viele Spielhallen gibt, dann weiß zumindest ich: Auch dieser Burgdorfer SPD-Ratsherr ist nicht immer erfolgreich.

Ich halte weiter meine Ohren offen-zum Beispiel in meiner Broschüre "Tjaden tappt durch den Altkreis Burgdorf", als Broschüre erhältlich in Wegeners Buchhandlung, als e-book im Kindle-Shop. Hier klicken 

Donnerstag, 25. August 2016

Tjaden tappt (159)

Lachen ist immer gesund. 
Für Schusselige aller Altersklassen

Helm auf, Motorradklamotten, unter dem Arm ein Schnellhefter. "Beide Internetplätze besetzt", stellt er fest, will die Spielhalle wieder verlassen. 

"Ich bin gleich fertig", sage ich. Er macht trotzdem auf dem Absatz kehrt.

"Ich bin gleich fertig", wiederhole ich. 

"Ach so", antwortet er. Nun erkennt er mich.

"Ich habe Ihren Ratgeber gelesen", nimmt er den Helm ab. Er meint meine Broschüre "Zerstreutes Wohnen-Ratgeber für alle ab 70". "Ich habe mich oft wiedererkannt."

Ich muss den Untertitel ändern, denke ich. Nicht "Ratgeber für alle ab 70", sondern "Ratgeber für Schusselige aller Altersklassen". Erweitert den Leserkreis.

Ich stehe auf, mache ihm Platz. Er setzt sich. Er ist 24 Jahre alt und seit einiger Zeit Leser meiner internetten Zeitung "Burgdorfer Kreisblatt". Er liest sie immer, wenn er sich daran erinnert, dass es meine Zeitung im Netz gibt. Nennt man zerstreutes Surfen.

Der Klick zu meinem Ratgeber als Print  

Der Klick zu meinem Ratgeber als e-book 

Montag, 26. Oktober 2015

Tjaden tappt (61)

Auf dem Burgdorfer Spittaplatz
brennen Kerzen. Foto: Tjaden 
Ein Kurde ohne Zigaretten

Ist er nun türkischer Kurde oder kurdischer Türke? Kurz vor der Aue-Brücke holt er mich ein. "Lange nicht gesehen", sagt er, "wie geht es dir?" Er hält sich an einem Pfahl fest, bleibt auf dem Fahrradsattel sitzen. "Gut", antworte ich. "Und selber?" 

Wir radeln weiter, bis zu einer Spielhalle mit zwei Internetplätzen. "Ich habe gestern 50 Euro verloren", sagt er, bevor er sein Fahrrad abstellt. "Nun habe ich vier Tage lang keine Zigaretten. Ist das nicht blöd?" Sein Handy klingelt. Er schaut auf das Display. "Wer ruft mich denn an?", fragt er sich selbst, vielleicht auch mich. 

"Ich bin schizophren", hat er mir vor einigen Monaten erzählt. Er nimmt den Anruf nicht entgegen. "Ich gehe kurz mit rein, mal sehen, ob jemand da ist", sagt er und folgt mir in die Spielhalle. Es ist niemand da. Das war vor einigen Monaten noch anders. Auf den Internetplätzen saßen Syrer, Iraker, Iraner und er, der türkische Kurde oder kurdische Türke. Sie hatten Angst vor weiteren IS-Morden an den Jesiden. Auf dem Burgdorfer Spittaplatz brannten Kerzen für die Ermordeten.

Er ist wieder verschwunden, hat noch kurz gegrüßt. "Du bist in Ordnung", sagt er. "Du auch", antworte ich. 

Lange nicht in Ordnung ist dagegen eine Bewerbung gewesen, die einer von ihnen fast täglich an einem der beiden Computer schrieb, weil sie nicht fertig wurde. Er überlegte sich jedes Wort, fragte mich nach der Schreibweise von Wörtern wie "Hausmeister", "Mehrfamilienhaus" und "Sauberkeit" und wunderte sich jedes Mal, wenn der Text wieder weg war. "Du solltest zwischendurch den Text speichern und immer Geld nachwerfen, bevor der Computer herunterfährt."

Eines Tages saß er wieder neben mir, dieses Mal hatte er einen Zettel dabei. "Kannst du das mal lesen?", fragte er. "Das hat mir ein Freund aufgeschrieben." Ich las die Bewerbung um einen Hausmeisterposten, korrigierte Fehler, er nahm den Zettel und fing an zu schreiben, als ich die Spielhalle verließ. Danach habe ich ihn nie wiedergesehen. Möglicherweise wurde er als Hausmeister eingestellt und hat deshalb keine Zeit mehr für Spielhallenbesuche...    

Anschau-bar

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