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Sonntag, 8. März 2020

Tjaden tappt (453)

Hannover erreicht man auch ohne
eigene Fahrkarte. Foto: Tjaden 
Der Fahrkartenautomat, der auf Berührungen nicht reagiert

Heute habe ich mit einem Syrer, der seit 17 Jahren in Großburgwedel lebt, eine Gruppe gebildet. Denn den Fahrkartenautomaten am Bahnhof von Großburgwedel kann man so oft berühren wie man will. Er reagiert nicht. 

Neben mir steht ein Mann, der jeden Sonntag nach Hannover fährt, um dort einen Bummel zu machen, mit einer Gruppenfahrkarte. Er kennt das Problem. Für eine Frau, die nach mir eine Fahrkarte kaufen will, ist es so neu wie für mich. 

"Vorigen Sonntag habe ich einen Zugbegleiter darauf hingewiesen, dass der Automat nicht funktioniert. Er hat mir gesagt, dass es am Hauptbahnhof von Hannover eine Information gibt. An die solle ich mich wenden", erzählt mein Nebenmann. 

Ich erkläre ihm, dass wir nicht mit der Bahn AG fahren, sondern mit Metronom. Das sei ein Privatunternehmen, das für die Fahrkartenautomaten nicht zuständig ist. Sein Gesichtsausdruck zeigt mir, dass er Probleme mit meinem Erklärungsversuch hat. "Wir sind hier in Deutschland", tröste ich ihn. Das versteht er. 

Ich gebe ihm 4,60 Euro, nun sind wir eine Gruppe, im Fahrradabteil unterhalten wir uns weiter. Mit funktionierendem Fahrkartenautomaten wäre das nicht passiert. Er schwärmt von Köln und macht eine Pause. 

"Aber ich kenne auch Leute, die in Wettmar oder Thönse wohnen und sagen, dort sei es sehr schön", ist eben alles relativ. Relativ egal wird da auch ein Fahrkartenautomat, um den sich niemand kümmert. 

Montag, 26. Oktober 2015

Tjaden tappt (61)

Auf dem Burgdorfer Spittaplatz
brennen Kerzen. Foto: Tjaden 
Ein Kurde ohne Zigaretten

Ist er nun türkischer Kurde oder kurdischer Türke? Kurz vor der Aue-Brücke holt er mich ein. "Lange nicht gesehen", sagt er, "wie geht es dir?" Er hält sich an einem Pfahl fest, bleibt auf dem Fahrradsattel sitzen. "Gut", antworte ich. "Und selber?" 

Wir radeln weiter, bis zu einer Spielhalle mit zwei Internetplätzen. "Ich habe gestern 50 Euro verloren", sagt er, bevor er sein Fahrrad abstellt. "Nun habe ich vier Tage lang keine Zigaretten. Ist das nicht blöd?" Sein Handy klingelt. Er schaut auf das Display. "Wer ruft mich denn an?", fragt er sich selbst, vielleicht auch mich. 

"Ich bin schizophren", hat er mir vor einigen Monaten erzählt. Er nimmt den Anruf nicht entgegen. "Ich gehe kurz mit rein, mal sehen, ob jemand da ist", sagt er und folgt mir in die Spielhalle. Es ist niemand da. Das war vor einigen Monaten noch anders. Auf den Internetplätzen saßen Syrer, Iraker, Iraner und er, der türkische Kurde oder kurdische Türke. Sie hatten Angst vor weiteren IS-Morden an den Jesiden. Auf dem Burgdorfer Spittaplatz brannten Kerzen für die Ermordeten.

Er ist wieder verschwunden, hat noch kurz gegrüßt. "Du bist in Ordnung", sagt er. "Du auch", antworte ich. 

Lange nicht in Ordnung ist dagegen eine Bewerbung gewesen, die einer von ihnen fast täglich an einem der beiden Computer schrieb, weil sie nicht fertig wurde. Er überlegte sich jedes Wort, fragte mich nach der Schreibweise von Wörtern wie "Hausmeister", "Mehrfamilienhaus" und "Sauberkeit" und wunderte sich jedes Mal, wenn der Text wieder weg war. "Du solltest zwischendurch den Text speichern und immer Geld nachwerfen, bevor der Computer herunterfährt."

Eines Tages saß er wieder neben mir, dieses Mal hatte er einen Zettel dabei. "Kannst du das mal lesen?", fragte er. "Das hat mir ein Freund aufgeschrieben." Ich las die Bewerbung um einen Hausmeisterposten, korrigierte Fehler, er nahm den Zettel und fing an zu schreiben, als ich die Spielhalle verließ. Danach habe ich ihn nie wiedergesehen. Möglicherweise wurde er als Hausmeister eingestellt und hat deshalb keine Zeit mehr für Spielhallenbesuche...    

Anschau-bar

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