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Freitag, 20. März 2020

Tjaden tappt (457)

Das Corona-Schild
zur Ausgangssperre. 
Kleine Corona-Geschichten ohne den nötigen Abstand

Kaffee trinke ich neuerdings in einem Burgdorfer Supermarkt. Dort, wo der Leergutautomat steht, steht auch der Kaffeeautomat. Kaffee aus der Schweiz. Ein Euro. Sehr lecker. Und sehr heiß.

Zwei Frauen albern herum, bestehen auf einen Abstand von einem Meter 50, eine Verkäuferin macht den Leergutautomaten sauber. Sie erzählt mir, dass sie ab nächster Woche an der Kasse hinter Plexiglas sitzt. Hinter ihr steht ein Kunde mit einer Getränkekiste. Er hat Zeit. 

Eine Mutter empört sich über die Lehrerin ihres neunjährigen Kindes. "Die hat Zeitungen in den Unterricht mitgebracht. Sie las den Kindern Berichte über das Corona-Virus vor. Neunjährigen Kindern! Mein Kind kann seitdem nachts nicht mehr schlafen."

Die Verkäuferin hat ihre Arbeit beendet. Zwei offenbar eng befreundete Mädchen verlassen den Supermarkt. "Hier müssen wir keinen Abstand mehr halten", sagt die eine etwa Zwölfjährige zur anderen. 

Deswegen droht der niedersächsische Innenminister mit einer Ausgangssperre?, frage ich mich. Denn inzwischen kenne ich die Corona-Schlagzeilen der im Supermarkt angebotenen Zeitungen. Ein Bekannter, den ich lange nicht mehr gesehen habe, fragt mich nach meinem Hund. "Der ist tot", sage ich und hoffe, dass niemand mithört. Wie leicht entsteht in einer Kleinstadt ein Gerücht. "In Burgdorf soll es den ersten Corona-Toten geben", könnte es lauten. 

Doch auch die Verbreitung von Gerüchten ist inzwischen verlangsamt. In der Stadt ist kaum jemand. Da auch die Buchhandlungen und die Bücherei geschlossen sind, hat eine Burgdorferin Bücher dabei, mit denen sie den öffentlichen Bücherschrank in der Marktstraße füttern will. "Lesefutter für die Ausgangssperre", sagt sie. Der Abstand zwischen uns beiden beträgt keine 30 Zentimeter. 

Ab morgen werde ich meine sozialen Kontakte einschränken, denn in den Nachrichten habe ich gerade gehört, dass sich die Bundesregierung am Wochenende genau anschauen will, wie wir uns verhalten. 


Mittwoch, 16. Oktober 2019

Tjaden tappt (425)

Erfolgreich gestartet.
Foto: Rhein-Neckar-Zeitung 
Märchenhafte Tage ohne Tageszeitungen

Seit Wochen lese ich keine Zeitungen mehr. Den Tipp hat mir ein Schweizer gegeben. Auf die Schweiz komme ich gleich noch einmal zurück. "Du fühlst dich dann besser. Lies Bücher", sagte der Tippgeber. Da ich meine eigenen Bücher bereits kenne, bediene ich mich in Burgdorf. Dort gibt es einen öffentlichen Bücherschrank. Dort entdeckte ich "Die schönsten Märchen" von Rafik Schami und vergaß die  Tageszeitungen.

Dieser preisgekrönte Autor aus Damaskus verzauberte mich mit seinen Weisheiten, mit seinem leisen Spott für religiösen Humbug und für alle, die andere oder sich selbst ins Bockshorn jagen wollen. Dass jeder, der meint, er verdiene zu Recht im Jahr eine zweistellige Millionensumme, bescheuert sein muss, wusste ich zwar schon, dass man über diese Bescheuerten lachen sollte, kann man aber gar nicht oft genug lesen.

In Schamis Märchen wird auch nicht ewig gelebt und vorher geheiratet: "Na, Sie wollen noch wissen, ob der König Samira heiratete, ja? Man hat es den beiden zwar empfohlen, doch auf ein solch abgenutztes Ende der Geschichte hatten sie keine Lust und haben darauf verzichtet."

Der bereits erwähnte Schweizer erzählte mir noch etwas anderes. Der Spruch "Je oller, je doller" ist zwar so abgenutzt wie heiraten in Märchen, aber auch in der Schweiz gibt es diese Männer, die nicht nur von ihrem Alter, sondern auch von ihrem Reichtum um den Verstand gebracht werden. Einer von ihnen heißt Christoph Blocher.

Dass die Schweiz keine AfD braucht, so lange sie die Schweizerische Volkspartei (SVP) hat, dürfte jedem politisch Interessiertem bekannt sein. Dass aber seit dem 14. Januar 2018 eine Zeitungsgenossenschaft versucht, die SVP und Blocher in Schach zu halten, dürfte nicht allen bekannt sein. Die Leserinnen und Leser des Online-Magazins "Republik" sind gleichzeitig Genossinnen und Genossen, sie finanzieren also die Nachrichten. Klingt wie ein Märchen von Rafik Schami, denn der Bruder von Christoph Blocher, der als Pfarrer genauso rechts war wie Christoph, ist inzwischen gestorben.

Anschau-bar

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