Tjaden tappt (524)

Meine Brüder Detlef und Acki
mit mir im gleichen Haus
wie Paul. Foto: Christel Mertin
Unser Nachbar Paul ist oft verreist

"Deutschlands Politiker haben vergangene Woche eine erschütternde Entdeckung gemacht: Es sind Sommerferien-und die Menschen machen auch noch Urlaub!" Teilt Jan Schweitzer am 30. Juli auf Seite 1 der Wochenzeitung "Die Zeit" mit. 

Deutschlands Politiker haben eben nie den Nachbarn meiner Eltern kennengelernt, der Paul hieß, Schlachter war und nicht nur in den Sommerferien oft nicht zu Hause war. Wenn seine Frau sagte, dass ihr Mann wieder einmal verreist sei, wusste nicht nur meine Mutter, wo sich Paul befand.  Dann bedauerte meine Mutter Martha, so hieß die Frau von Paul, und tröstete sie. Das, was Martha "verreist sein" nannte, kam meinen Brüdern und mir nie so ganz geheuer vor. Man munkelte, dass Paul ganz in der Nähe Urlaub mache und sein Hotelzimmer nicht verlassen dürfe. 

Martha wartete in Paul-losen Zeiten aber nicht nur auf die Rückkehr ihres Mannes, als Mitglied einer Sekte wartete sie auch  auf die Rückkehr von Jesus. Über diesen Jesus  behauptete sie aber nicht, er sei verreist. Der wohnte angeblich bei seinem Vater im Himmel. Wann dieser Jesus zurückkehren würde, wusste Martha nicht so genau, bei Paul dagegen wusste sie es stets genau. Dann zog sie sich ein schickes Kleid an, lief im Treppenhaus rauf und runter, bis sie Paul wieder in die Arme nehmen konnte. 

Sobald sich die Wohnungstür hinter den beiden schloss, rief uns unsere Mutter und sagte beim Abendbrot zu meinem Vater: "Paul ist bestimmt bald wieder verreist." Dann nickte mein Vater und machte ein besorgtes Gesicht, als hätte er eine erschütternde Entdeckung gemacht.  

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