Tjaden tappt (53)

Da ist Karasek 1980 nicht gern
reingegangen...
Liebe, Leid und Hellmuth Karasek

"Hellmuth Karasek hat bei vielen Menschen die Kenntnis und die Liebe zur Literatur, zum Theater und zum Film entscheidend erweitert und vertieft." Schreibt Bundespräsident Joachim Gauck an die Witwe des ehemaligen "Spiegel"-Kulturchefs, der mit dem "Literarischen Quartett" eine gewisse Fernseh-Berühmtheit erlangt hat. Mit diesem Satz bildete Gauck die Medienwirklichkeit ab. 

"Er liebte und litt an und mit der Literatur und war dabei immer ihr souveräner Vermittler und ein brillanter Unterhalter", ist die CDU-Kulturstaatsministerin Monika Grütters noch einen Medien-Schritt weiter gegangen als der Bundespräsident.

Als Redaktionsvolontär (Giesel-Verlag in Isernhagen, "Burgdorfer Kreisblatt" und Nachrichtenagentur "nordpress" in Hamburg) besuchte ich 1980 sechs Wochen lang die Hamburger Akademie für Publizistik. Die Seminarteilnehmerinnen und Seminarteilnehmer kamen aus dem gesamten Bundesgebiet, machten eine Ausbildung bei Tageszeitungen, bei Modezeitschriften oder Reisemagazinen. Bunter gemischt konnte eine Gruppe gar nicht sein. Dennoch waren wir schon nach wenigen Tagen ein verschworener Haufen, der dem Referenten Hellmuth Karasek an zwei Tagen eine Nuss nach der anderen zu knacken gab. Darüber beklagte er sich beim Seminarleiter, und zwar so: "Ich erlebe eine Gruppendynamik, die mir bisher völlig unbekannt gewesen ist." Einen verschworenen Haufen kannte er vom "Spiegel" nicht, dort wurden immer neue Intrigen angezettelt - das ist bis heute so geblieben.

Besonders große Mühe gab sich ein Volontär, der eine unglaubliche Analyse über die Arbeit von Stanley Kubrick ("Lolita", "Uhrwerk Orange", "2001") verfasste, die Filme dieses amerikanischen Regisseurs würdigte und seine Ziele beschrieb. Als er seinen Vortrag beendet hatte, warteten wir gespannt auf das Urteil von Hellmuth Karasek. Doch von dem kam nur ein einziger Satz: "Sowas könnte im ´Spiegel´nie erscheinen." Was mich zu der Frage veranlasste: "Weil es zu gut ist?" Da drohte Karasek mit Abbruch, kam aber am nächsten Tag schlecht gelaunt wieder. 

Irgendwann ließ er den Satz fallen, dass der "Spiegel" das fördere, was oben schwimme. Darauf reagierte ich ebenfalls mit einer bissigen Anmerkung: "Was oben schwimmt, muss doch niemand mehr fördern." Karasek tat so, als habe er nichts gehört. 

Einige Jahre später förderte der "Spiegel" aber doch einen Autor, der noch nicht bekannt war: einen Schüler, der einen amüsanten und pfiffigen Roman über den Schulalltag geschrieben hatte. Als ich die Rezension las, fragte ich mich, ob der Rezensent das Buch überhaupt gelesen hatte, weil ich mit der Behauptung konfrontiert wurde, der Roman sei ein verzweifelter Aufschrei. Also fragte ich den Autor. Der antwortete: "Was Sie da sagen, habe ich mich auch gefragt. Aber egal, der Artikel war positiv."

Über solche Merkwürdigkeiten sprach ich in jenen Jahren mit Johannes Mario Simmel bei einem Interview in München. Als erfahrener Hase winkte er derlei Erscheinungsformen des Feuilletons in die Weiten des Unfassbaren: "Früher haben die mich nicht gelesen und zerrissen, heute lesen sie mich nicht und loben mich. Was soll ich damit anfangen?"

Ergo: Gauck hätte eigentlich schreiben müssen, dass Karasek die Liebe zur Literatur auch um nie gelesene Bücher erweitert hat, die Kulturstaatssekretärin hätte durchaus anmerken können, dass Karasek sogar an Büchern litt, die ihm nicht bekannt waren. 



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