Tjaden tappt (414)

So sieht das Kastensystem
"Pax Nexus" von Ikea aus. 
Der Gott der Kästen

27. August 2019. Bei Facebook werde ich jeden Morgen gefragt, was ich gerade mache. Heute lautet die Antwort: Ich begebe mich in eine andere Welt, die beim Schreiben erst entsteht. Der passende Titel ist mir noch nicht eingefallen. Der Arbeitstitel lautet "Der Gott der Kästen". Meine Geschichte beginnt so:


Ich spüre den Stich der Nadel. Mehr spüre ich nicht.

Ein Wesen, das wie ein Schrank aussieht, der nur aus Kästen besteht, beugt sich über mich. Der Himmel über mir ist dunkelrot, der Boden unter mir gibt nach, wenn ich mich zu schnell bewege. Das Wesen hält einen Apparat an einen der Kästen. Etwas auf diesem Kasten hebt und senkt sich.

„Willkommen“, sagt das Wesen mit einer einschmeichelnden Stimme.

„Wo bin ich?“, frage ich das Wesen und schaue zum Himmel, der nun dunkelgrün ist.

„Das erfahren Sie noch früh genug. Folgen Sie mir bitte.“

Das Gelände ist flach, ich gehe so schnell wie das Wesen, um nicht einzusinken, die Schuhe, die mir jemand angezogen hat, sind schwer. Deshalb tun mir schon nach wenigen Schritten die Beine weh.

„Sie müssen diese Schuhe leider tragen“, sagt das Wesen. „Sonst würden Sie schnell den Kontakt mit dem Boden verlieren und davonfliegen.“

Das, was sich auf einem der Kästen bewegt, sind die Lippen des Wesens, denke ich. Ist dieser Kasten sein Kopf?

Die Pflanzen, die aus dem flachen Gelände ein buntes Farbenmeer machen, weichen vor uns zurück und rücken wieder zusammen, sobald wir weitergegangen sind. Das Wesen spricht weiter in diesen Apparat.

Wie von Geisterhand entsteht vor uns ein Gebilde, das ebenfalls aus Kästen besteht, die Kästen sind in ständiger Bewegung, die Form des Gebildes verändert sich in großer Geschwindigkeit.

„Wir leben eigentlich unter der Scheibe“, sagt mein Begleiter. „Aber Gäste empfangen wir über der Scheibe.“

Wir betreten das Gebilde, in einem der Kästen schweben wir nach oben, der Kasten öffnet sich für einen zweiten Kasten, in dem ein Wesen auf uns wartet, das auf einem viereckigen Stuhl sitzt.

„Willkommen“, sagt auch dieses Wesen.

Dieses Wesen spricht ebenfalls in einen Apparat. Die Kästen, aus denen dieses Wesen zusammengesetzt ist, sind größer als die Kästen meines Begleiters und bunter.

„Erst einmal möchte ich mich für die Unannehmlichkeiten entschuldigen, die wir Ihnen möglicherweise bereitet haben. Wir werden alles dafür tun, dass Sie sich auf unserer Scheibe wohlfühlen.“

„Ich muss heute Abend zu einer dringenden Besprechung“, sage ich.

Der Kasten, den ich für den Kopfkasten halte, rückt in dem Kastensystem ein wenig nach unten. Ich habe das Gefühl, dass mich das Wesen so besser sehen kann.

„Machen Sie sich deswegen keine Gedanken. Sie werden genau in dem Moment wieder auf der Erde sein, in dem Sie die Erde verlassen haben. Das, was ihr Menschen Zeit nennt, kennen wir nämlich nicht.“

Alles in mir sträubt sich gegen diesen Gedanken, denn wo keine Zeit ist, kann sich auch nichts bewegen oder verändern. Da bin ich mir ziemlich sicher. Das Wesen errät meine Gedanken.

„Glauben Sie mir einfach. Ich führe sie jetzt ein wenig herum.“

Wir schweben mit dem Kasten durch das Gebilde. Die Schmerzen in meinen Beinen werden fast unerträglich. Das Wesen spricht in den Apparat. Seine Stimme klingt mitleidig.

„Wie dumm von mir“, sagt das Wesen. „Hier können Sie Ihre Schuhe ausziehen. Dann geht es Ihnen gleich besser.“

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